
Band 01 · Ein Woidkrimi
Eternit am Weihergrund
Ende Mai liegt die Hitze über Riedlbach. Am Kiesweiher im Auwald bleibt das Wasser selbst nachts warm. Georg Dachs sitzt in seiner Inspektion, Mohst bringt Semmeln, und der Montag scheint übersichtlich. Doch unter der ruhigen Oberfläche liegt etwas, das dort nicht hingehört. Dachs kennt die Menschen im Dorf seit zwanzig Jahren. Was hilft dieses Wissen, wenn jeder nur einen Teil erzählt?
Ein stiller Weiher. Ein ruhiger Montag. Und etwas, das nicht an die Oberfläche soll.
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Eternit am Weihergrund · Aus dem Original. Zusammenhängender Ausschnitt.
Szene 2 – Ein ruhiger Montag
Montag, 1. Juni 2026 – Polizeiinspektion Riedlbach, 11:20 Uhr
Es gibt einen Geruch, den eine Dienststelle annimmt, wenn drei Tage hintereinander über dreißig Grad waren und das Gebäude aus den Siebzigern ist und niemand das Geld für eine Klimaanlage bewilligt hat. Es ist kein schlechter Geruch. Es ist der Geruch von warmem Linoleum, von Kaffee, der seit dem Morgen auf der Platte steht, von Aktenpapier, das die Feuchtigkeit gezogen hat und sich leicht wellt, und von dem Gummibaum in der Ecke, den niemand gegossen hat und der trotzdem nicht eingeht, aus Trotz vermutlich. Georg Dachs kannte diesen Geruch seit zwanzig Jahren. Er hätte ihn unter tausend anderen wiedererkannt, und das Bemerkenswerte daran war, dass er ihn an einem Montag um zwanzig nach elf, bei geöffnetem Fenster und ohne dass irgendetwas passierte, immer noch nicht unangenehm fand.
Dachs saß an seinem Schreibtisch und tat das, was er an einem Montagvormittag am liebsten tat, nämlich nichts, was nach außen sichtbar gewesen wäre. Er war ein großer Mann, breit, mit einem Rücken, der einen Schreibtischstuhl jedes Mal ein wenig leiser sterben ließ, blond, schlecht geschnitten, eine Brille, die zu schmal war für das Gesicht, und ein Lächeln, das eigentlich keines war, sondern eher die Grundeinstellung der Gesichtsmuskulatur, ein Zustand, kein Ausdruck. Wer ihn nicht kannte, hielt ihn für gutmütig. Wer ihn kannte, hielt ihn auch für gutmütig, hatte aber gelernt, dass das nichts darüber aussagte, ob er einem gerade zuhörte oder längst etwas anderes dachte. Vor ihm auf dem Tisch lag eine Bratwurstsemmel, halb. Daneben der Bericht über einen entwendeten Aufsitzmäher, Marke Stiga, rot, Baujahr unbekannt, der seit Mittwoch im Bestand „ungeklärt” geführt wurde und es nach Dachs’ fester Überzeugung auch bleiben würde, weil ein Mann, der einen Aufsitzmäher klaut, einen Plan hat, und gegen einen Mann mit Plan kommt eine Inspektion mit drei Planstellen schwer an.
„Zefix”, sagte Dachs, ohne dass es sich auf etwas Bestimmtes bezog. Es war eher eine Bestandsaufnahme.
Die Tür ging auf, ohne dass vorher angeklopft wurde, was bedeutete, dass es Mohst war. Moritz Ohst klopfte nie, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil das Klopfen in seiner inneren Ablauflogik ein Arbeitsschritt ohne messbaren Nutzen war, und Dinge ohne messbaren Nutzen tat Mohst nicht. Er war Anfang zwanzig, blond, mit einem Haarschnitt, der so korrekt war, dass er fast schon eine Aussage darstellte, die Brille geputzt, das Hemd in die Hose, an einem Montag, bei dieser Hitze, in einer Inspektion, in der die Telefone schwiegen. Er trug eine Papiertüte vor sich her wie eine Urkunde.
„Ich hab gar nicht gesagt, mit Senf”, sagte Mohst und stellte die Tüte ab. „Aber er hat sie mir mit Senf gegeben. Ohne zu fragen.”
„Mhm.”
„Und dann hat er noch gesagt, es sei ruhig grad, seit die Kiesl am Samstag dagewesen ist. Ich wusste nicht, was er damit meint. Ich hab ihn auch nicht gefragt.”
Dachs nahm die Semmel aus der Tüte, klappte sie auf, prüfte den Senf, klappte sie wieder zu. Er sagte nichts dazu, dass die Kiesl wieder da gewesen war, weil es nichts dazu zu sagen gab, jedenfalls nichts, das man einem Anwärter erklärte, solange man nicht musste. Die Frau vom Kiesl war jeden zweiten Tag beim Netzer, kaufte zwei Scheiben Leberkäse, die sie nie aß, und blieb dann eine Dreiviertelstunde, was niemanden etwas anging, am wenigsten die Polizei. Dass der Netzer das einem Anwärter mitgab, der es ahnungslos über die Theke trug wie die Semmeln, war eine andere Sache, und Dachs registrierte sie, ohne ihr nachzugehen. Der Netzer sagte nie etwas ohne Grund. Er sagte es nur so, dass man den Grund selber suchen musste. Trotzdem speicherte Dachs es ab. Dachs speicherte alles ab. Das war der Unterschied zwischen seinem Lächeln und dem, was dahinter lief: Das Lächeln stand still, und dahinter wurde sortiert.
„Setz di her”, sagte Dachs. „Du machst mi narrisch, wennst so stehst.”
Mohst setzte sich auf die Kante des Besucherstuhls, kerzengerade, und faltete die Hände, und sah dabei aus, fand Dachs, wie ein junger Mann, der gleich eine Erbschaft antritt oder eine Beerdigung organisiert, man konnte es nicht genau sagen. Der Bub hatte den besten Kopf, der Dachs in zwanzig Jahren untergekommen war, und Dachs hätte sich eher die Zunge abgebissen, als ihm das zu sagen. Mohst löste Dinge, die noch gar nicht als Problem aufgetaucht waren. Im Februar hatte er aus der Reihenfolge, in der drei Anzeigen wegen Falschparkens eingegangen waren, geschlossen, dass die Frau, die sie erstattete, demnächst ihren Mann anzeigen würde, und drei Wochen später kam die Frau und zeigte ihren Mann an. Dachs hatte ihn gefragt, wie er darauf gekommen sei. Mohst hatte die Frage seltsam gefunden.
Im Vorzimmer klingelte ein Telefon und hörte wieder auf, weil Marion es abgenommen hatte, bevor es zweimal geläutet hatte. Dachs hörte ihre Stimme durch die offene Tür, ruhig, in dem Tempo einer Frau, die in über zwanzig Jahren am Apparat noch nie erlebt hatte, dass am Telefon jemand starb, der nicht ohnehin schon tot war, und neben ihr, leiser, eine zweite Stimme, die zustimmte oder widersprach, das war von hier aus nicht zu unterscheiden. Petra, an der Art, wie die Pausen fielen. Wenn Marion telefonierte, war Petra nicht weit, und umgekehrt, und die zwei hatten eine Art, miteinander zu reden, bei der ganze Sätze wegfielen, weil die andere sie schon mitgedacht hatte. Dachs hatte zwei Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass die wichtigen Entscheidungen seiner Inspektion nicht an seinem Schreibtisch fielen, sondern im Vorzimmer, zwischen zwei Tassen Kaffee, und dass man ihm das Ergebnis hinterher so vorlegte, dass er glaubte, es sei seine Idee gewesen. Er hatte aufgehört, sich dagegen zu wehren. Es funktionierte.
„Was macht der Aufsitzmäher”, fragte Mohst.
„Der is in da Walachei”, sagte Dachs. „Da kemma nix mehr. Den hat oana, der woaß, was er tut.”
Mohst nickte, als wäre das eine vollständige forensische Einschätzung, was es in gewisser Weise auch war. Dann saß er eine Weile da und sah aus dem Fenster auf den Parkplatz, auf dem die Hitze über dem Asphalt flimmerte, und auf die Bundesstraße dahinter, auf der seit zwanzig Minuten kein Auto gefahren war.
„Schön ruhig grad”, sagte Mohst.
Er meinte es so, wie er alles meinte: als Feststellung, ohne Hintersinn. Dachs biss in die Semmel und sah ebenfalls aus dem Fenster, auf das Flimmern über dem Asphalt, und dachte, dass der Bub recht hatte, und dass an einem Montag um halb zwölf, bei dieser Hitze, mit einem Aufsitzmäher in der Walachei und sonst nichts, ein Mann seinem Pensionsalter ein Stück näher rückte, ohne dass etwas geschah, und dass das in Ordnung war. Es war der letzte Gedanke dieser Art, den er an diesem Tag haben würde. Er wusste es nur noch nicht.



