ememha.Geschichten aus Niederbayern

Die Woidkrimis · Fünf Bände

Woidkrimis.

Wald, Dörfer, Donau – und Menschen, die besser nicht alles erzählen sollten.

Willkommen in Riedlbach. Ein erfundenes Dorf in Niederbayern, zwischen vertrauten Wegen und unbequemen Fragen. Hier treffen Kriminalfälle auf trockenen Humor, Dialekt und Figuren mit einem ganz eigenen Kopf.

Ein erster Blick

Hier kennt jeder jeden.
Aber niemand alles.

Woidkrimis · Reihentrailer

Ein Dorf.
Fünf Bände.
Viele offene Fragen.

Ein stummer Text- und Covertrailer. Start per Klick. Bei reduzierter Bewegung wechseln die Bilder ohne Animation.

In Lesereihenfolge · 01—05

Fünf Bände.
Jeder mit eigenem Ton.

Beginne mit Band 1. Der Sammelband nimmt sich dazwischen Zeit für den Alltag im Dorf.

Originalcover von Eternit am Weihergrund, Woidkrimi Band 1
Das Originalcover · Band 1

Band 01 · Ein Woidkrimi

Eternit am Weihergrund

Ende Mai liegt die Hitze über Riedlbach. Am Kiesweiher im Auwald bleibt das Wasser selbst nachts warm. Georg Dachs sitzt in seiner Inspektion, Mohst bringt Semmeln, und der Montag scheint übersichtlich. Doch unter der ruhigen Oberfläche liegt etwas, das dort nicht hingehört. Dachs kennt die Menschen im Dorf seit zwanzig Jahren. Was hilft dieses Wissen, wenn jeder nur einen Teil erzählt?

Ein stiller Weiher. Ein ruhiger Montag. Und etwas, das nicht an die Oberfläche soll.

Ein stiller Weiher. Ein ruhiger Montag. Und etwas, das nicht an die Oberfläche soll.

Ein ruhiger Montag · Originalseiten 15–20

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Eternit am Weihergrund · Aus dem Original. Zusammenhängender Ausschnitt.

Szene 2 – Ein ruhiger Montag

Montag, 1. Juni 2026 – Polizeiinspektion Riedlbach, 11:20 Uhr

Es gibt einen Geruch, den eine Dienststelle annimmt, wenn drei Tage hintereinander über dreißig Grad waren und das Gebäude aus den Siebzigern ist und niemand das Geld für eine Klimaanlage bewilligt hat. Es ist kein schlechter Geruch. Es ist der Geruch von warmem Linoleum, von Kaffee, der seit dem Morgen auf der Platte steht, von Aktenpapier, das die Feuchtigkeit gezogen hat und sich leicht wellt, und von dem Gummibaum in der Ecke, den niemand gegossen hat und der trotzdem nicht eingeht, aus Trotz vermutlich. Georg Dachs kannte diesen Geruch seit zwanzig Jahren. Er hätte ihn unter tausend anderen wiedererkannt, und das Bemerkenswerte daran war, dass er ihn an einem Montag um zwanzig nach elf, bei geöffnetem Fenster und ohne dass irgendetwas passierte, immer noch nicht unangenehm fand.

Dachs saß an seinem Schreibtisch und tat das, was er an einem Montagvormittag am liebsten tat, nämlich nichts, was nach außen sichtbar gewesen wäre. Er war ein großer Mann, breit, mit einem Rücken, der einen Schreibtischstuhl jedes Mal ein wenig leiser sterben ließ, blond, schlecht geschnitten, eine Brille, die zu schmal war für das Gesicht, und ein Lächeln, das eigentlich keines war, sondern eher die Grundeinstellung der Gesichtsmuskulatur, ein Zustand, kein Ausdruck. Wer ihn nicht kannte, hielt ihn für gutmütig. Wer ihn kannte, hielt ihn auch für gutmütig, hatte aber gelernt, dass das nichts darüber aussagte, ob er einem gerade zuhörte oder längst etwas anderes dachte. Vor ihm auf dem Tisch lag eine Bratwurstsemmel, halb. Daneben der Bericht über einen entwendeten Aufsitzmäher, Marke Stiga, rot, Baujahr unbekannt, der seit Mittwoch im Bestand „ungeklärt” geführt wurde und es nach Dachs’ fester Überzeugung auch bleiben würde, weil ein Mann, der einen Aufsitzmäher klaut, einen Plan hat, und gegen einen Mann mit Plan kommt eine Inspektion mit drei Planstellen schwer an.

„Zefix”, sagte Dachs, ohne dass es sich auf etwas Bestimmtes bezog. Es war eher eine Bestandsaufnahme.

Die Tür ging auf, ohne dass vorher angeklopft wurde, was bedeutete, dass es Mohst war. Moritz Ohst klopfte nie, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil das Klopfen in seiner inneren Ablauflogik ein Arbeitsschritt ohne messbaren Nutzen war, und Dinge ohne messbaren Nutzen tat Mohst nicht. Er war Anfang zwanzig, blond, mit einem Haarschnitt, der so korrekt war, dass er fast schon eine Aussage darstellte, die Brille geputzt, das Hemd in die Hose, an einem Montag, bei dieser Hitze, in einer Inspektion, in der die Telefone schwiegen. Er trug eine Papiertüte vor sich her wie eine Urkunde.

„Ich hab gar nicht gesagt, mit Senf”, sagte Mohst und stellte die Tüte ab. „Aber er hat sie mir mit Senf gegeben. Ohne zu fragen.”

„Mhm.”

„Und dann hat er noch gesagt, es sei ruhig grad, seit die Kiesl am Samstag dagewesen ist. Ich wusste nicht, was er damit meint. Ich hab ihn auch nicht gefragt.”

Dachs nahm die Semmel aus der Tüte, klappte sie auf, prüfte den Senf, klappte sie wieder zu. Er sagte nichts dazu, dass die Kiesl wieder da gewesen war, weil es nichts dazu zu sagen gab, jedenfalls nichts, das man einem Anwärter erklärte, solange man nicht musste. Die Frau vom Kiesl war jeden zweiten Tag beim Netzer, kaufte zwei Scheiben Leberkäse, die sie nie aß, und blieb dann eine Dreiviertelstunde, was niemanden etwas anging, am wenigsten die Polizei. Dass der Netzer das einem Anwärter mitgab, der es ahnungslos über die Theke trug wie die Semmeln, war eine andere Sache, und Dachs registrierte sie, ohne ihr nachzugehen. Der Netzer sagte nie etwas ohne Grund. Er sagte es nur so, dass man den Grund selber suchen musste. Trotzdem speicherte Dachs es ab. Dachs speicherte alles ab. Das war der Unterschied zwischen seinem Lächeln und dem, was dahinter lief: Das Lächeln stand still, und dahinter wurde sortiert.

„Setz di her”, sagte Dachs. „Du machst mi narrisch, wennst so stehst.”

Mohst setzte sich auf die Kante des Besucherstuhls, kerzengerade, und faltete die Hände, und sah dabei aus, fand Dachs, wie ein junger Mann, der gleich eine Erbschaft antritt oder eine Beerdigung organisiert, man konnte es nicht genau sagen. Der Bub hatte den besten Kopf, der Dachs in zwanzig Jahren untergekommen war, und Dachs hätte sich eher die Zunge abgebissen, als ihm das zu sagen. Mohst löste Dinge, die noch gar nicht als Problem aufgetaucht waren. Im Februar hatte er aus der Reihenfolge, in der drei Anzeigen wegen Falschparkens eingegangen waren, geschlossen, dass die Frau, die sie erstattete, demnächst ihren Mann anzeigen würde, und drei Wochen später kam die Frau und zeigte ihren Mann an. Dachs hatte ihn gefragt, wie er darauf gekommen sei. Mohst hatte die Frage seltsam gefunden.

Im Vorzimmer klingelte ein Telefon und hörte wieder auf, weil Marion es abgenommen hatte, bevor es zweimal geläutet hatte. Dachs hörte ihre Stimme durch die offene Tür, ruhig, in dem Tempo einer Frau, die in über zwanzig Jahren am Apparat noch nie erlebt hatte, dass am Telefon jemand starb, der nicht ohnehin schon tot war, und neben ihr, leiser, eine zweite Stimme, die zustimmte oder widersprach, das war von hier aus nicht zu unterscheiden. Petra, an der Art, wie die Pausen fielen. Wenn Marion telefonierte, war Petra nicht weit, und umgekehrt, und die zwei hatten eine Art, miteinander zu reden, bei der ganze Sätze wegfielen, weil die andere sie schon mitgedacht hatte. Dachs hatte zwei Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass die wichtigen Entscheidungen seiner Inspektion nicht an seinem Schreibtisch fielen, sondern im Vorzimmer, zwischen zwei Tassen Kaffee, und dass man ihm das Ergebnis hinterher so vorlegte, dass er glaubte, es sei seine Idee gewesen. Er hatte aufgehört, sich dagegen zu wehren. Es funktionierte.

„Was macht der Aufsitzmäher”, fragte Mohst.

„Der is in da Walachei”, sagte Dachs. „Da kemma nix mehr. Den hat oana, der woaß, was er tut.”

Mohst nickte, als wäre das eine vollständige forensische Einschätzung, was es in gewisser Weise auch war. Dann saß er eine Weile da und sah aus dem Fenster auf den Parkplatz, auf dem die Hitze über dem Asphalt flimmerte, und auf die Bundesstraße dahinter, auf der seit zwanzig Minuten kein Auto gefahren war.

„Schön ruhig grad”, sagte Mohst.

Er meinte es so, wie er alles meinte: als Feststellung, ohne Hintersinn. Dachs biss in die Semmel und sah ebenfalls aus dem Fenster, auf das Flimmern über dem Asphalt, und dachte, dass der Bub recht hatte, und dass an einem Montag um halb zwölf, bei dieser Hitze, mit einem Aufsitzmäher in der Walachei und sonst nichts, ein Mann seinem Pensionsalter ein Stück näher rückte, ohne dass etwas geschah, und dass das in Ordnung war. Es war der letzte Gedanke dieser Art, den er an diesem Tag haben würde. Er wusste es nur noch nicht.

Originalcover von Was der Weiher behält, Woidkrimi Band 2
Das Originalcover · Band 2

Band 02 · Ein Woidkrimi

Was der Weiher behält

Das Freibad ist geschlossen, die Gemeindekasse leer. Bürgermeister Michael Hackl hat versprochen, sich zu kümmern. Nun steht ein Architekt mit einer großen Vision vor ihm: ein Naturbad in der alten Kiesgrube. Dazu kommen ein Brauereichef, ein Bierbus und Pläne für ein Sommerfest. Zwischen schönen Entwürfen, Förderhoffnungen und sehr eigenen Interessen muss Dachs genauer hinsehen. Denn ein Dorf lässt sich leichter auf einen Plan zeichnen als verstehen.

Eine große Vision. Eine kleine Gemeindekasse. Und sehr viele eigene Interessen.

Eine große Vision. Eine kleine Gemeindekasse. Und sehr viele eigene Interessen.

Die Zahl auf Seite sechs · Originalseiten 7–14

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Was der Weiher behält · Aus dem Original. Zusammenhängender Ausschnitt.

Kapitel 1 – Die Zahl auf Seite sechs

Montag, 15. Juni 2026 – Rathaus Riedlbach, 08:17 Uhr

Michael Hackl stand am Fenster seines Bürgermeisterbüros und betrachtete den Parkplatz vor dem Rathaus.

Er machte das oft, wenn Zahlen auf dem Schreibtisch lagen.

Zahlen waren selten eine gute Nachricht.

Heute waren es sechs Seiten.

Auf Seite eins stand in großen Buchstaben:

FREIBAD RIEDLBACH – KOSTENSCHÄTZUNG SANIERUNG BESTANDSANLAGE

Auf Seite sechs stand die Zahl, die ihm seit einer Viertelstunde den Tag verdarb.

4.873.000 Euro.

Hackl legte die Unterlagen weg.

Dann nahm er sie wieder her.

Die Zahl war noch da.

Draußen auf dem Parkplatz stand der BauhofPritschenwagen schief in der Sonne. Daneben lud der Rudi zwei Säcke Splitt ab, obwohl im Juni niemand Splitt brauchte, aber der Rudi lud gern Dinge ab, wenn er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Weiter hinten, unter der Kastanie, parkte das Auto der Kindergartenleiterin, halb auf dem Gehweg, wie jeden Montag, und auf dem Behindertenparkplatz stand der Lieferwagen vom Getränkemarkt, weil der Fahrer seit Jahren der Meinung war, ein Behindertenparkplatz gelte nur, wenn gerade ein Behinderter komme.

Hackl sah das alles und sah es nicht.

Er sah nur die Zahl.

Vier Komma acht Millionen.

Für ein Freibad.

Für das alte Riedlbacher Freibad, das eigentlich kein Freibad mehr war, sondern eine Erinnerung mit Beckenrand. Seit drei Jahren war es geschlossen. Erst wegen der Pumpe. Dann wegen der Folie. Dann wegen der Umkleiden, in denen der Schimmel nicht mehr nur an der Wand war, sondern schon Haltung angenommen hatte. Dann wegen der Wasseraufbereitung, die irgendein Prüfer vom Gesundheitsamt als „nicht mehr zeitgemäß“ bezeichnet hatte, was in Behördensprache ungefähr bedeutete: Wenn da noch einer reinspringt, gehört jemand angezeigt.

Hackl hatte im Wahlkampf gesagt, er werde sich kümmern.

Das war kein Fehler gewesen.

Der Fehler war gewesen, dass er es geglaubt hatte.

Er blätterte zurück zu Seite drei. Da standen die Einzelposten. Beckensanierung. Technikgebäude. Filteranlage. Leitungen. Barrierefreiheit. Außenanlagen. Planungskosten. Unvorhergesehenes.

Das Unvorhergesehene war mit vierhunderttausend Euro angesetzt.

Hackl fand das unverschämt. Nicht, weil es zu viel war, sondern weil es vermutlich zu wenig war.

Es klopfte.

„Ja.“

Die Tür ging auf, und seine Sekretärin steckte den Kopf herein. Sie hieß Rosi Maier, war seit achtzehn Jahren im Rathaus und hatte in dieser Zeit drei Bürgermeister überlebt, zwei davon politisch und einen gesundheitlich. Sie trug eine Brille an einer Kette, obwohl sie die Brille fast nie aufsetzte, und sie hatte die Gabe, schlechte Nachrichten so zu bringen, dass man vorher schon wusste, dass es schlechte Nachrichten waren.

„Der Herr Eisenhauer is da.“

Hackl sah von den Unterlagen auf.

„Jetzt scho?“

„Termin war um acht.“

Hackl sah auf die Uhr.

Es war achtzehn nach acht.

„Dann is er ned jetzt scho da“, sagte Rosi. „Dann is er seit achtzehn Minuten da.“

„Warum hast’n ned glei einegschickt?“

„Weil du gschaut hast, als wenn du mit de Zahlen allein sein willst.“

Hackl sah auf die sechs Seiten.

„Mit de Zahlen will koana allein sein.“

„Soll i’n eine schicken?“

Hackl nickte.

„Schick’n eine.“

Rosi verschwand, und kurz darauf kam Ulbert Eisenhauer herein.

Wenn es einen Menschen gab, der aussah, als hätte ihn ein Architekturbüro selbst entworfen, dann war es Ulbert Eisenhauer. Er war groß, schlank, trug eine schwarze Leinenhose, ein weißes Hemd ohne Krawatte und eine Brille mit einem Gestell, das vermutlich mehr gekostet hatte als Hackls erster Golf. Seine Haare waren grau, aber auf eine Weise grau, die nicht nach Alter aussah, sondern nach Entscheidung. Unter dem Arm trug er eine Rolle Pläne, obwohl heutzutage niemand mehr Pläne tragen musste. Eisenhauer trug sie trotzdem, weil Pläne unter dem Arm bei Architekten wirkten wie ein Gewehr beim Jäger. Man wusste sofort, was gemeint war.

„Herr Bürgermeister“, sagte Eisenhauer und streckte beide Hände aus, als betrete er nicht ein Büro, sondern eine Idee.

Hackl stand auf.

„Herr Eisenhauer.“

Sie gaben sich die Hand. Eisenhauers Hand war trocken, fest und gepflegt. Hackl hatte sofort das Gefühl, seine eigene Hand sei zu kommunal.

„Schön haben Sie es hier“, sagte Eisenhauer und sah sich um.

Hackl sah sich ebenfalls um, weil er wissen wollte, was Eisenhauer sah.

Er sah einen Schreibtisch, zwei Besucherstühle, einen Aktenschrank, einen Kalender der Sparkasse, einen Drucker, der seit Monaten beim Einschalten ächzte, und eine Topfpflanze, die Rosi aus dem Vorzimmer verbannt hatte, weil sie dort zu traurig ausgesehen hatte.

„Ja“, sagte Hackl. „Geht.“

Eisenhauer trat ans Fenster.

„Diese Kastanie da draußen. Wunderbar. So etwas muss man denken. Nicht entfernen. Denken.“

Hackl sah zur Kastanie.

„De steht halt da.“

„Eben“, sagte Eisenhauer. „Das ist ja das Schöne.“

Hackl wusste nicht, was er darauf sagen sollte, und entschied sich für ein Nicken. Nicken war in der Kommunalpolitik oft die beste Übergangslösung.

„Setzen wir uns?“, fragte Eisenhauer.

Es war Hackls Büro, aber er setzte sich trotzdem.

Eisenhauer setzte sich nicht sofort. Er legte erst die Planrolle auf den Tisch, richtete sie parallel zur Tischkante aus, zog ein schmales Notizbuch aus der Tasche, legte einen Stift darauf und sah dann auf die Kostenschätzung.

„Ah“, sagte er.

Es war ein sehr kleines Ah.

Aber es enthielt Mitleid.

Hackl mochte es nicht.

„Sie ham’s also gsehn“, sagte er.

„Ich habe die Zahl gesehen.“

„Und?“

Eisenhauer setzte sich.

„Ein klassisches Sanierungsgrab.“

Hackl sah ihn an.

„Ein was?“

„Ein Sanierungsgrab.“ Eisenhauer faltete die Hände. „Sie nehmen eine alte Struktur, die technisch, gestalterisch und betrieblich aus einer anderen Zeit stammt, und versuchen, sie durch viel Geld in die Gegenwart zu zwingen. Das funktioniert selten. Und wenn es funktioniert, sieht es hinterher aus wie vorher, nur teurer.“

Hackl schob die sechs Seiten ein Stück von sich weg.

„Des Freibad war immer gut.“

„Natürlich.“

„Da ham Generationen schwimmen glernt.“

„Unbedingt.“

„I a.“

„Eben.“

Hackl wartete.

Eisenhauer lächelte. Es war ein sanftes, nachsichtiges Lächeln, wie es Menschen haben, die nicht widersprechen, sondern nur auf eine höhere Ebene wechseln.

„Herr Bürgermeister“, sagte er, „das Problem ist nicht, dass Ihr Freibad schlecht war. Das Problem ist, dass es ein Freibad war.“

Hackl lehnte sich zurück.

„Aha.“

„Chlor. Beton. Folie. Technik. Energie. Personal. Laufende Kosten. Saisonbetrieb. Jedes Jahr dieselben Defekte. Jedes Jahr dieselben Diskussionen. Sie sanieren nicht nur ein Becken. Sie sanieren ein System, das Ihnen auch nach der Sanierung weiter Geld abverlangt.“

„Des machen Freibäder so“, sagte Hackl.

„Eben.“

Eisenhauer löste das Gummiband von der Planrolle und breitete ein Blatt aus.

Hackl beugte sich vor.

Auf dem Blatt war zuerst einmal viel Grün.

Originalcover von Ein Tag in Riedlbach, Woidkrimi Band 3, Sammelband
Das Originalcover · Band 3

Band 03 · Sammelband · Zehn Hefte

Ein Tag in Riedlbach

Ein Donnerstag im Juni, zehnmal erzählt. Dachs kämpft mit dem Drucker, beim Netzer beginnt der Tag in der Wurstküche, im Rathaus wartet Arbeit und Lutz dreht seine Runde. Dieser Sammelband schaut mit zehn verschiedenen Blickwinkeln auf denselben Tag. Kleine Begegnungen und beiläufige Sätze bekommen Gewicht, wenn man sie nebeneinanderlegt. Die ruhigen Geschichten zwischen den Fällen zeigen Riedlbach dort, wo es am meisten nach sich selbst klingt.

Zehn Blickwinkel. Ein Donnerstag. Wie viel sieht einer allein?

Zehn Blickwinkel. Ein Donnerstag. Wie viel sieht einer allein?

Ein gewöhnlicher Donnerstag · Originalseiten 15–22

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Ein Tag in Riedlbach · Aus dem Original. Zusammenhängender Ausschnitt.

Ein gewöhnlicher Donnerstag

Donnerstag, 25. Juni 2026 – Polizeiinspektion Riedlbach, 08:14 Uhr

Der Drucker stand seit dem Vortag auf Streik, und das war nicht das Problem.

Das Problem war, dass der Drucker auf Streik stand und trotzdem Geräusche machte, als wäre er beschäftigt. Er summte, er ruckte, er zog gelegentlich ein Blatt ein und gab es wieder aus, leer, mit der ruhigen Würde einer Maschine, die ihren Standpunkt für ausreichend begründet hielt. Dachs hatte ihn am Montag zweimal aus- und wieder eingeschaltet, was bei den meisten Geräten als Gespräch gilt, das man mit ihnen führt, und der Drucker hatte beide Male so getan, als beginne jetzt ein neues, besseres Leben, und dann wieder ein leeres Blatt ausgespuckt.

Heute war Donnerstag, und Dachs saß an seinem Schreibtisch und sah den Drucker an, und der Drucker stand in der Ecke und sah zurück, so gut ein Drucker das kann, und zwischen ihnen lag die Art von Schweigen, die zwischen zwei alten Gegnern entsteht, die einander gut kennen.

„Den müss ma melden“, sagte Marion vom Türrahmen her. Sie sagte es nicht zum ersten Mal. Sie hatte es im Februar schon gesagt, und im Januar, und Dachs verdächtigte sie, dass sie es in einer Form bereits im letzten Herbst gesagt hatte, wenn auch über ein anderes Gerät.

„Mhm“, sagte Dachs.

„Wennst ’n meldest, kriagst in sechs Wochn an neuen.“

„Und wennst ’n ned meldest?“

„Dann hast ’n in sechs Wochn no.“

Das war, fand Dachs, kein schlechtes Argument, jedenfalls keines, gegen das man am Donnerstagmorgen vor dem ersten Kaffee anging. Er kannte den Drucker. Den neuen würde er nicht kennen. Der neue würde Funktionen haben, die er nicht brauchte, und ein Display, das ihn auf Englisch beleidigte, und er würde ein halbes Jahr brauchen, um herauszufinden, wo man bei dem das Papier nachfüllte, und in diesem halben Jahr würde er sich nach dem alten zurücksehnen, der wenigstens ehrlich kaputt war.

„Lass ’n no“, sagte er.

Marion zuckte mit der Schulter, auf die Art, mit der sie Entscheidungen zur Kenntnis nahm, die sie für falsch hielt und nicht für ihre. Dann stellte sie ihm den Kaffee hin, den ersten, den sie immer machte, weil sie ihn besser machte als alle anderen, und ging wieder ins Vorzimmer, wo das Telefon zweimal läutete und nach dem zweiten Mal aufhörte, weil sie es abgenommen hatte.

Dachs nahm einen Schluck und sah aus dem Fenster.

Draußen war Ende Juni, und Ende Juni im Bayerischen Wald ist eine Zeit, die sich schon entschieden hat. Es war seit Tagen heiß, eine schwere, stehende Hitze, die sich in der Nacht nicht abkühlte und am Morgen schon wieder da war, als wäre sie nie weg gewesen, und am Himmel hing sie tief und drückend, mit der Andeutung eines Gewitters, das seit Tagen versprochen wurde und nicht kam. Dachs hatte, wie immer bei großer Hitze, die Jacke an, was niemand verstand außer ihm, der wusste, dass eine Jacke gegen die Hitze von außen ungefähr so viel half wie gegen die Hitze von innen, nämlich gar nichts, dass es aber besser war, an einer Sache festzuhalten, die man kannte, als sich der Hitze auch noch ohne sie auszuliefern. Auf dem Parkplatz vor der Inspektion flimmerte der Asphalt, und auf dem Geländer saß eine Amsel mit offenem Schnabel, reglos, mit der erschöpften Würde eines Tieres, das den Sommer kommen gesehen und es trotzdem nicht für möglich gehalten hatte, dass er so kommen würde.

Auf Dachs’ Schreibtisch lag der Donnerstag, und der Donnerstag war übersichtlich.

Es lag dort ein Vorgang über einen Zaun. Der Zaun stand zwischen den Grundstücken von zwei Männern, die seit elf Jahren nicht mehr miteinander sprachen und seit elf Jahren ausschließlich über diesen Zaun kommunizierten, indem jeder von beiden ihn ein Stück verschob, sobald der andere nicht hinsah. Der Zaun hatte in elf Jahren mehr Strecke zurückgelegt als mancher Wanderpokal. Es lag dort ferner eine Anzeige wegen Ruhestörung, erstattet von einer Frau gegen die Kirchenglocke, die ihrer Auffassung nach am Sonntag zu früh läute, eine Anzeige, die juristisch hoffnungslos und menschlich verständlich war, weil die Frau seit dem Tod ihres Mannes schlecht schlief und einen Gegner brauchte, den sie benennen konnte, und die Glocke war ein guter Gegner, weil sie nichts zurücksagte. Und es lag dort eine Sache mit einem Hund, die noch keine Sache war, sondern erst die Vorstufe einer Sache, nämlich ein Anruf, den Marion am Montag entgegengenommen hatte, von einem Mann, der gesagt hatte, der Hund vom Nachbarn schaue ihn an, und der aufgelegt hatte, bevor Marion hatte fragen können, wie ein Hund einen so anschauen kann, dass man die Polizei rufen muss.

Es war, mit anderen Worten, ein guter Tag. Ein Tag, an dem nichts passierte, was nicht hätte warten können, und an dem ein Mann seinem Pensionsalter ein kleines, würdiges Stück näher rückte, ohne dass die Welt davon Notiz nahm.

Die Tür ging auf, ohne dass vorher angeklopft wurde, was bedeutete, dass es Mohst war.

„Guten Morgen“, sagte Mohst. Er sagte es vollständig, mit beiden Wörtern, jeden Morgen, und er sagte es zu einer Uhrzeit, die er für angemessen hielt und die immer dieselbe war, nämlich vierzehn Minuten nach acht, weil Mohst um sieben Uhr fünfundvierzig zur Bäckerei ging, dort sieben Minuten anstand, vier Minuten zur Inspektion brauchte und sich dann acht Minuten Zeit ließ, ehe er Dachs störte, aus Gründen, die er einmal erklärt hatte und die Dachs vergessen hatte, weil sie eine innere Logik betrafen, die er bewunderte, ohne sie zu durchdringen.

„Mohst.“

„Der Drucker geht noch nicht.“

„Naa.“

„Soll ich ihn anschauen?“

„Du host ’n gestern scho angschaut.“

„Ich hab ihn gestern diagnostiziert“, sagte Mohst. „Angeschaut hab ich ihn nicht repariert. Das ist ein Unterschied.“ Er stellte seine Tasche ab, parallel zur Tischkante, und sah den Drucker an mit dem ruhigen Interesse eines Menschen, für den ein kaputtes Gerät kein Ärgernis ist, sondern eine Frage, die noch keine Antwort hat. „Es ist die Einzugswalze. Die zieht das Papier nicht mehr richtig. Das ist Gummi, und Gummi wird hart, wenn er alt wird, und dann greift er nicht mehr. Man kann das beheben.“

„Wie.“

„Mit Klebeband.“

Dachs sah ihn an.

„Man wickelt einen schmalen Streifen Klebeband um die Walze, mit der klebrigen Seite nach außen“, sagte Mohst. „Dann greift sie wieder. Das hält nicht ewig. Aber es hält.“ Er sagte es ohne Triumph, in der reinen sachlichen Freude eines Menschen, der eine Lösung gefunden hat und sie mitteilt, und genau das war es, was Dachs an dem Buben mochte und niemals zugeben würde, dass nämlich Mohst die Welt nicht in Probleme und Ärgernisse einteilte, sondern in Dinge, die gehen, und Dinge, die man dazu bringen kann zu gehen, und dass für Mohst ein kaputter Drucker und ein ungeklärter Todesfall im Grunde dieselbe Art von Aufgabe waren, nur in verschiedener Größe.

„Dann mach“, sagte Dachs.

Mohst machte. Er holte das Klebeband aus der Schublade, in der das Klebeband seit Jahren lag und in der es bisher niemand gefunden hatte außer Mohst, der die Inhalte aller Schubladen der Inspektion kannte, weil er sie in seiner ersten Woche, ungefragt, inventarisiert hatte. Er öffnete den Drucker, fand die Walze, wickelte den Streifen, schloss den Drucker, drückte den Knopf, und der Drucker zog ein Blatt ein, bedruckte es ordnungsgemäß und gab es aus, mit einem Geräusch, das fast wie Stolz klang.

„So“, sagte Mohst.

Dachs sah auf das Blatt. Es war die Testseite, ein Raster aus Farben und ein Satz in mehreren Schriftgrößen, Der schnelle braune Fuchs, und der Fuchs war gestochen scharf, und Dachs dachte, dass es im Grunde ein Skandal war, dass eine Maschine, die sich vierundzwanzig Stunden lang geweigert hatte, mit einem Streifen Klebeband zur Vernunft kam, und dass es noch mehr ein Skandal war, dass es eines Anfang Zwanzigjährigen bedurft hatte, um auf etwas so Einfaches zu kommen, während er, Dachs, den Apparat zweimal aus- und eingeschaltet und dann beschlossen hatte, ihn lieber sechs Wochen kaputt zu lassen als sechs Wochen neu.

„Mohst“, sagte er.

„Ja?“

„Guad gmacht.“

Es war das höchste Lob, das Dachs vergab, und es bestand aus zwei Wörtern, und Mohst nahm es entgegen wie alles, sachlich, ohne sich darin zu sonnen, und legte das Klebeband zurück in die Schublade, an die Stelle, an der es gelegen hatte, weil ein Werkzeug nur dann ein Werkzeug ist, wenn man es beim nächsten Mal wiederfindet.

Dann läutete das Telefon im Vorzimmer, und Marion nahm ab, und Dachs hörte ihre Stimme, ruhig, in dem Tempo einer Frau, die in über zwanzig Jahren am Apparat schon alles gehört hatte, und er hörte, wie sich das Tempo nicht änderte, was bedeutete, dass es nichts Ernstes war, und er entspannte sich wieder, ehe er gemerkt hatte, dass er sich angespannt hatte.

„Georg“, rief Marion. „Der Huber Loisl. Wegen seiner Kuh.“

„Wos is mit der Kuh.“

„De is wieder über’n Bach.“

Dachs trank seinen Kaffee aus und stand auf, mit dem Geräusch im Knie, das er seit ein paar Jahren machte und das ihn nicht störte, weil es ihn an den Wetterbericht erinnerte, nur zuverlässiger.

„Dann fahr ma halt zur Kuh“, sagte er.

Originalcover von Abrechnung, Woidkrimi Band 4
Das Originalcover · Band 4

Band 04 · Ein Woidkrimi

Abrechnung

Im September stehen alte Sachen wieder vor Riedlbacher Türen: ein Hocker, ein Gesichtsbräuner, ein stummer Diener. Längst verkauft und bezahlt – nun zurück, mit dem Satz: Damit sind wir quitt. Georg Dachs und Petra Freund gehen den Käufen und dem Geld nach. Die Erinnerungen im Dorf passen selten zusammen. Ihre Fragen führen über den Marktplatz hinaus bis zu Lagerhallen am Straubinger Hafen. Und dort ist der vertraute Woid plötzlich weit weg.

Alte Sachen vor der Tür. Eine kurze Nachricht. Eine Rechnung, die Fragen stellt.

Alte Sachen vor der Tür. Eine kurze Nachricht. Eine Rechnung, die Fragen stellt.

Ein Morgen auf dem Marktplatz · Originalseiten 9–14

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Abrechnung · Aus dem Original. Anfang und Ende dieser Auswahl liegen innerhalb einer Buchseite.

Kapitel 1 – Die hellblaue Dose

Riedlbach / Straubing Montag, 21. September 2026, vormittags

Gislinde Vinfronzolo hatte vor ihrem Haarstudio Vino Taglio ein Schild aufgestellt, auf dem stand, dass die Dauerwelle zurück sei.

Georg Dachs blieb davor stehen. Er kannte die Gislinde seit seiner Schulzeit, und soweit er sich erinnerte, war bei ihr noch nie eine Dauerwelle fort gewesen. Im Schaufenster hing eine Frau mit einem Haarvolumen, das im Straßenverkehr die Sicht nach hinten eingeschränkt hätte, und darunter standen drei Flaschen, eine rosa, eine violett und eine, deren Farbe unter dem Staub nicht mehr sicher zu bestimmen war. Das Schild dagegen war neu. Die Schrift glänzte noch.

„Des is grad wieder ganz groß“, sagte Gislinde aus der Tür.

Sie musste zu ihm aufschauen, und sie tat es mit einem kleinen Zurückwerfen des Kopfes, das ihre Frisur unbeschadet überstand. Gislinde war vierundsiebzig, führte den Salon seit fünfzig Jahren und hatte ihn mit vierundzwanzig übernommen, nach der Lehre und ein paar Dienstjahren, wie sie sagte. Seither war vieles im Dorf anders geworden. Gislinde fand, dass das bei den meisten Dingen ein Fehler gewesen war.

Über ihren Augen saßen zwei schmale, dunkle Bögen, die mit dem Erstaunen, das sich darunter abspielte, nichts zu tun hatten. Ihre Fingernägel waren korallenrot. Einer ruhte jetzt auf Dachs’ Ärmel.

„Bei dir könnt ma a was machen, Schos.“

„Abschneiden.“

„Mei, bloß abschneiden. Des is ja koa Frisur.“

„Mir langt’s.“

Sie musterte seinen Kopf, dann sein Gesicht, und lächelte auf eine Weise, die ihm bekannt vorkam. Die Gislinde lächelte seit Jahrzehnten so, wenn ein Mann stehen blieb. Dass vor ihrem Laden ein Schild mitten auf dem Gehweg stand, zog sie als Grund nicht in Betracht.

„Du warst a scho lang nimmer bei mir.“

„Mhm.“

„Dabei brauchst di ned genieren.“

Dachs sah noch einmal auf das Schild.

„Stellst des a bissl zu dir her? Dass ma vorbeikann.“

Gislinde betrachtete den freien Gehweg hinter ihm.

„Du bist doch vorbeikemma.“

„I steh davor.“

Sie sah ihn an. Dann das Schild. Dann wieder ihn.

„Ja, weilst es liest.“

Dachs nahm den Aufsteller an den beiden oberen Ecken und rückte ihn an die Hauswand. Gislinde sah zu und strich sich über das Haar.

Über der Dauerwelle stand in goldenen Buchstaben Vino Taglio. Dachs hielt den Aufsteller noch fest, bis beide Füße ordentlich auf dem Pflaster standen.

„Vino“, sagte er. „Gibt’s bei dir jetzt an Wein?“

„Des kommt von Vinfronzolo. Und Taglio heißt Schnitt. Italienisch.“

Sie fuhr mit einem lackierten Fingernagel unter den goldenen Buchstaben entlang.

„Hab i mir selber ausdenkt.“

„Und wenn einer bloß a Glas Wein will?“

„Ohne Termin geht bei mir gar nix.“

Sie sagte es mit der Ruhe einer Frau, die ihren Betrieb seit fünfzig Jahren im Griff hatte. Dann schaute sie auf den schmalen Streifen zwischen Aufsteller und Hauswand.

„Da sieht ma’s aber schlechter.“

„Dafür sieht ma di besser.“

Das leuchtete ihr ein. Sie trat ein wenig zur Seite, damit er sie auch von dort sehen konnte, und Dachs ging weiter, bevor aus dem Entgegenkommen ein Termin wurde.

Beim Netzer war noch wenig los. Lutz saß draußen neben der Eingangstür und hob kurz den Kopf, als Dachs an ihm vorbeiging. Drinnen legte Rut ihm die bestellten Semmeln hin, die Tüte oben zweimal umgeschlagen. Aus der Wurstküche kam das gleichmäßige Geräusch von Xavs Arbeit.

„Die Marion hat angerufen“, sagte Rut.

Dachs sah auf.

„Du sollst den Kaffee mitnehmen. Der Xav hat ihn dir hergelegt.“

Neben der Tüte stand eine Packung.

„Hat’s bei uns koan mehr?“

„Sonst hätte sie kaum angerufen.“

Er nahm beides und zahlte. Rut reichte ihm noch ein kleines Stück Wurst über die Theke.

„Für den draußen.“

Dachs trat hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Lutz wartete, bis er ihm die Wurst hinhielt, und nahm sie vorsichtig aus seinen Fingern. Auf der anderen Seite des Platzes stieß gerade etwas Schepperndes gegen die Hauswand.

Der Aufsteller stand wieder draußen.

Diesmal ließ er ihn stehen.

In der Inspektion roch es noch nach dem Kaffee vom Vortag.

Marion nahm ihm die Packung ab, als hätte sie ihn eigens dafür eingestellt, und verschwand damit in der kleinen Küche. Petra saß vor einem aufgeschlagenen Ordner. Mohst hatte drei Ausdrucke vor sich liegen und einen vierten in der Hand, für den auf seinem Schreibtisch durchaus Platz gewesen wäre, nur nicht an der Stelle, an die er gehörte.

„Du kannst den alten wegtun“, sagte Petra.

„Dann fehlt der vorherige Stand.“

„Den brauchen wir nimmer.“

„Im Moment nicht.“

Petra sah ihn an und zog eine leere Klarsichthülle aus dem Fach neben sich. Mohst nahm sie dankbar entgegen. Dachs legte die Semmeln auf den Besprechungstisch.

Er mochte diese Minuten am Morgen, in denen noch jeder an etwas saß, das gestern schon dagewesen war. Es gab einen Ordner, der nicht verschwunden war, drei Ausdrucke, die sich über Nacht nicht vermehrt hatten, und eine Semmel, deren Inhalt er kannte. Draußen wurde ein Lieferwagen rückwärts eingeparkt. Man hörte das Warnpiepsen durch das offene Fenster, dann eine Männerstimme, die „geht scho“ rief, und gleich darauf dieselbe Stimme, erheblich lauter, mit dem gegenteiligen Inhalt.

Dachs setzte sich.

Originalcover von Terra, Woidkrimi Band 5
Das Originalcover · Band 5

Band 05 · Ein Woidkrimi

Terra

Im Oktober drückt Wasser zwischen den Pflastersteinen hervor. Thomas Struller soll die Ursache klären. Er bringt Pläne, Messgeräte und Terra mit: eine Dackeldame in Warnweste, mit Ausbildung und einer sehr brauchbaren Nase. Während der Regen anhält, müssen Dachs und Petra genauer auf Wege, Mauern und alte Gewissheiten schauen. Beim Netzer ist es warm. Draußen bleibt die Frage, ob wirklich alles so ist, wie man es seit Jahren kennt.

Regen auf dem Pflaster. Wasser aus der Mauer. Eine Nase näher am Boden.

Regen auf dem Pflaster. Wasser aus der Mauer. Eine Nase näher am Boden.

Struller und Terra kommen an · Originalseiten 17–25

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Terra · Aus dem Original. Anfang und Ende dieser Auswahl liegen innerhalb einer Buchseite.

Der Mann kam fünf Minuten vor neun. Er hatte einen grauen Regenmantel an, unter dem eine Umhängetasche quer über der Brust lag. In der rechten Hand trug er einen schmalen Messkoffer, in der linken eine Mappe. Vor der Tür stellte er beides ab und wischte sich gründlich die Schuhe. Als er sich wieder aufrichtete, tropfte Wasser von seinem Mantel auf die eben gereinigte Stelle.

Rosi ließ ihn herein.

„Struller. Guten Morgen.“

Er gab ihr eine Karte. Sie nahm sie, sah kurz darauf und begrüßte ihn mit seinem Namen. Der Bürgermeister schüttelte ihm die Hand und führte ihn in den Raum. Dachs rückte seinen Stuhl zurück, damit der Mann mit dem Koffer vorbeikam.

„Thomas Struller“, sagte er noch einmal.

„Dachs.“

„Von der Polizei?“

„Ja.“

Struller blickte auf den nassen Schirm am Boden.

„Is schon was passiert?“

„Der Mich hat aufgmacht, obwohl’s zu war.“

Der Bürgermeister machte eine kleine Handbewegung.

„Wegen einer Garage.“

„Dann lassen mer des vorerst lieber gesperrt“, sagte Struller.

Er stellte den Koffer neben sich ab. Beim Hinsetzen zog er ihn noch einmal näher an den Stuhl, damit niemand darüber steigen musste. Aus der Mappe nahm er einen Ausdruck des Auftrags. Sein Name stand darauf, vollständig, mit dem akademischen Titel und den drei Buchstaben dahinter.

Rosi legte die Visitenkarte neben ihren Block.

Dachs konnte sie lesen.

Dipl. Geoinformatiker Thomas Struller L.G.A.

Darunter standen eine Telefonnummer und eine Mailadresse. Kein Werbespruch.

„Was brauchen S’ von uns?“, fragte Hackl.

„Erst die Unterlagen, die Sie tatsächlich da haben. Auch die älteren. Und jemanden, der weiß, was hier zuletzt gemacht worden is.“

„Der Rudi.“

„Dann würd ich gern mit ihm reden.“

Rosi zog den obersten Plan aus dem Stapel. Struller beugte sich darüber. Er fragte nach dem Stand, bekam ein Datum und schaute in die Ecke mit dem Zeichenschlüssel. Als Hackl ihm mit dem Finger die Gasse zeigen wollte, bat er ihn, einen Augenblick zu warten.

„Einen Moment. Ich brauch erst die Legende.“

Hackl zog die Hand zurück.

„Des Blaue is Wasser.“

„Welches?“

Der Bürgermeister sah auf die beiden blauen Striche.

„Gute Frage.“

Struller lächelte kurz. Er fragte nicht weiter, sondern nahm einen zweiten Plan dazu. Rosi wusste, welcher der beiden zur Trinkwasserleitung gehörte und welcher zum Kanalbestand. Sie schob ihm die richtige Legende hin.

„Danke.“

Er schrieb das Datum an den Rand seines Blatts. Dann fragte er, wo genau das Wasser austrete, seit wann, ob es sich nach den gereinigten Abläufen verändert habe und ob es auch in einer Regenpause weitergelaufen sei. Hackl beantwortete die erste Frage. Rosi die zweite. Für die übrigen rief sie Rudi an.

„Ich bring außerdem meinen SRD mit“, sagte Struller, während sie warteten.

Hackl nickte.

„Guat. Brauchen S’ an Strom?“

„Nein.“

„Dann is es einfacher.“

Dachs stellte seine Tasse ab. Er hatte nicht bemerkt, wann Rosi sie hingestellt hatte.

„Was is ein SRD?“

„Ein sensorischer Referenzdackel.“

Rosi blieb mit dem Stift über ihrem Block stehen.

Der Bürgermeister sah zu Dachs und dann wieder zu Struller.

„Dackel?“

„Ja.“

Struller sagte es ganz selbstverständlich. Er nahm ein weiteres Blatt aus der Mappe und legte es auf den Plan, ohne dessen Angaben zu verdecken.

„Sie is im Auto. Ich hol sie, bevor wir rausgehen.“

„Sie“, sagte Hackl.

„Terra.“

Rosi schrieb Terra auf ihren Block. Daneben setzte sie ein kleines Fragezeichen.

„Und die findt Wasser?“, fragte der Bürgermeister.

„Sie sucht, worauf sie ausgebildet is. Wasser is heut meine Aufgabe.“

Struller sah wieder auf den Plan.

„Die Bodenverhältnisse können trotzdem interessant werden.“

Hackl wollte noch etwas fragen. Rosi nahm ihm das Wort ab, indem sie die Tür öffnete. Rudi und Josef standen davor, beide noch in ihren nassen Jacken.

„Mir warten draußen“, sagte Rudi.

Struller packte seine Mappe zusammen.

„Dann fangen wir an.“

Draußen hatte der Regen nachgelassen. Auf dem Pflaster standen kleine Pfützen. Zwischen den Häusern hing noch ein grauer Regenschleier.

Struller ging zu einem dunkelgrauen Kombi. Im hinteren Seitenfenster klebte ein kleines Schild mit der Aufschrift Hund an Bord. Er öffnete die Heckklappe, stellte den Koffer ab und beugte sich zu einer gesicherten Transportbox hinunter.

„Wart a bissla, Terra.“

Er holte ein Tuch aus einer Seitentasche, wischte die Kante der Ladeklappe ab und schob eine kurze Rampe heraus. Erst dann öffnete er die Box.

Die Dackeldame kam bis an die Öffnung und blieb dort stehen. Die Hündin war klein genug, dass Dachs sie ohne Mühe hätte hochheben können. Struller ließ ihr trotzdem Zeit, selbst über die Rampe zu gehen. Auf beiden Seiten der Weste standen die Buchstaben SRD. Am Halsband war ihr Name zu lesen.

Struller legte ihr die Leine an.

„Jetzt.“

Terra ging herunter, nahm den letzten halben Meter schneller als den ersten und blieb mit der Nase über einem Blatt stehen. Der Mann wartete. Sie hob den Kopf, betrachtete Rudi und wandte sich Dachs zu.

„Grüß Gott“, sagte Dachs.

Terra kam näher. Struller gab ihr etwas Leine, ohne sie loszulassen. Sie schnupperte an Dachs’ Schuh und setzte eine Pfote auf die Kappe. Er hielt still.

„Die kennt Dienstschuhe“, sagte Struller.

„Meine ned.“

„Etz schon.“

Er nahm das Tuch und wischte Terra den Regen von der Stirn. Sie ließ es sich gefallen und versuchte gleichzeitig, die freie Hand zu untersuchen.

„Noch ned, Terra“, sagte er zu ihr.

Josef stand mit den Händen in den Jackentaschen daneben.

„Was kann die denn finden?“

„Sie is für Bodenmaterialien ausgebildet. Mineralik, mineralische Abfälle, bestimmte Belastungen in Erde und Bauschutt. Kommt drauf an, was sie suchen soll.“

„Alle?“

„Nein.“

Struller klappte die Rampe zusammen.

„Wenn sie was anzeigt, schau ich genauer hin. Des is fei noch kein Laborbefund.“

„Des wär a teuer, wenn ma an Hund zum Labor macht“, sagte Rudi.

Struller sah kurz zu ihm.

„Und sie würd Ihnen trotzdem keinen Bericht schreiben.“

Er zog eine zweite, längere Leine aus dem Auto und steckte sie in die Tasche. Die kurze blieb an Terras Halsband. Dann schloss er die Heckklappe.

Gislinde hatte auf der anderen Seite des Platzes ihre Tür geöffnet. Sie trug einen durchsichtigen Regenschutz über dem Kopf, der die Frisur unberührt ließ und ihre künstlichen Augenbrauen umso deutlicher machte. Sie schaute zuerst auf Struller, dann auf den Hund und schließlich auf die Männer, die um das Auto standen.

„Is des einer von euch?“, rief sie.

„Ein Fachmann“, sagte Hackl aus der Rathaustür.

Gislinde kam bis zum Rand des Gehwegs.

„Für was?“

„Wasser.“

„Dann soll er bei mir a schaun. Die Scheibn lafft innen an.“

„Dafür brauchst lüften“, sagte Josef.

„Bei dem Wetter?“

Struller hob freundlich die Hand. Terra sah zu ihr und dann an ihr vorbei. Vor der Metzgerei saß Lutz unter dem schmalen Dach neben der Tür. Er hatte den Kopf gehoben. Weiter tat er nichts.

Die Leine wurde für einen Augenblick straff. Terra hatte Lutz bemerkt.

„Nachher“, sagte Struller.

Sie schaute zu ihm und kam mit. Lutz legte den Kopf wieder zwischen die Vorderpfoten. Dachs klappte seinen Schirm auf. Einer der Drähte stand nicht richtig, und er richtete ihn mit dem Finger, während sie zur Gasse gingen.

Ein paar bekannte Gesichter

Riedlbach hat Personal.

Georg Dachs

Dorfpolizist seit zwanzig Jahren. Hinter seinem ruhigen Lächeln wird sortiert. Er kennt die Leute – und nimmt sich Zeit, ihnen zuzuhören.

Moritz Ohst · Mohst

Jung, genau und mit einem eigenen Sinn für Abläufe. Er findet Lösungen oft schon, bevor andere das Problem erkannt haben.

Petra Freund & Marion Schiller

Petra behält die Arbeit im Blick, Marion das Vorzimmer und die Telefone. Kaffee und kurze Sätze halten die Inspektion zusammen.

Beim Netzer

Xav in der Wurstküche, Rut an der Theke. Hier gibt es Semmeln, etwas Warmes und Sätze, deren Bedeutung man manchmal erst später versteht.

Michael Hackl

Der Bürgermeister hat Versprechen, Unterlagen und eine Gemeindekasse, die selten mit seinen Plänen Schritt hält.

Gislinde & Lutz

Gislinde führt ihren Salon mit sicherem Urteil. Feuerwehrhund Lutz hat seine eigenen Wege durchs Dorf – und eine gute Nase für die Metzgerei.

Von Michael Max Hacker · ememha

Riedlbach gibt es nicht.
Den Ton kennt man vielleicht.

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